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Ich bin krank, aber trotzdem gesellschaftsfähig
Gespräch mit Gerhard M.
Seit gut sieben Jahren leidet der 53-jährige Steuerberater und Dipl.-Kaufmann Gerhard M. an der Parkinsonschen Krankheit. Trotz seiner Erkrankung führt er weiterhin ein (fast) normales Leben mit vielfältigen sozialen Kontakten. "Denn", so Gerhard M., "ich bin krank, aber trotzdem gesellschaftsfähig." In einem Gespräch schildert er, wie er mit seiner Erkrankung zu leben gelernt hat.
Herr M., als erfolgreicher Steuerberater haben Sie berufsbedingt viel Kontakt mit anderen Menschen. Haben Sie keine Angst, wegen Ihrer Krankheit aufzufallen?
Herr M.: Ganz am Anfang meiner Laufbahn als Parkinson-Patient habe ich Geheimhaltung für die beste Überlebensstrategie gehalten. Die Erkrankung plus die ganze Geheimniskrämerei, das hält aber kein Mensch lange aus. Also habe ich mir gesagt: "So nicht!" Ich habe meinen inneren Schweinehund überwunden und bin, dort wo sich die Gelegenheit bot, in die Offensive gegangen. Ich wollte ja auch kein Mitleid, sondern ein normales Miteinander. Es war überraschend, wie verständnisvoll meine Mandanten, meine Freunde und Bekannten dann reagiert haben.
Welche Gelegenheiten haben Sie beispielsweise zur Offensive genutzt?
Herr M.: Bei mir ist das Ruhezittern, vor allem im rechten Arm, das Hauptsymptom. Früher habe ich das immer mit Stress, der vielen Arbeit - Sie kennen ja die ganzen Ausreden - erklärt. Dann habe ich mich, als mich einmal ein Mandant verlegen darauf angesprochen hat, ganz selbstbewusst zur Krankheit bekannt und gesagt: "Ach ja, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler, denn zupacken kann ich nach wie vor ordentlich." Dann habe ich ihm kräftig die Hand geschüttelt, und das Eis war gebrochen.
Sie führen eine Steuerkanzlei mit zwölf Angestellten, haben Familie, sind seit fast 15 Jahren im Stadtrat aktiv, der Steuerberaterverband hat Sie jüngst zum Landesvorsitzenden gewählt.
Herr M.: Na ja, ganz einfach ist es nicht immer. Disziplin, straffe Selbstorganisation und entschlossener Wille sind, glaube ich, die Lösungswörter. Ich mache nur noch Dinge, die ich auch wirklich will, gehe disziplinierter mit meiner Zeit um, packe nicht mehr fünf Termine in ein Zeitfenster, das eigentlich nur drei verträgt, und lege bewusst Pausen ein. Durch die Erkrankung habe ich gelernt, dass auch in unserer Hektomatikwelt nicht alles von jetzt auf gleich erledigt sein muss.
Wie gehen Sie mit Auswärtsterminen und Einladungen um?
Herr M.: Wenn ich weiter auswärts Verpflichtungen habe, nehme ich bevorzugt die Bahn oder lasse mich von einem meiner Mitarbeiter chauffieren. Im Umkreis fahre ich selbst mit dem Auto, denn die freiwilligen jährlichen Fahrtüchtigkeitsprüfungen bestehe ich noch immer ohne Probleme. Offizielle Einladungen oder Empfänge nehme ich so oft an, wie es mir mein Terminkalender erlaubt und wie ich es will. Ich tue das auch bewusst und gerne, um anderen Menschen mit anderen Erkrankungen Mut zu machen. Ich will zeigen, dass man trotz eines körperlichen Andersseins, ich sage bewusst nicht Behinderung, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist. Ich bin zwar krank, aber nicht asozial!
Und im privaten Bereich?
Herr M.: Da habe ich mich auch so organisiert, dass die Erkrankung bis jetzt im Alltag nicht nennenswert durchschlägt. Nur ein kleines Beispiel: Unser Haus und meine Büroräume haben wir so umgestaltet, dass es keine rutschigen Fußbodenbeläge und keine Türschwellen mehr gibt, die Dusche ist begehbar. Alles Kleinigkeiten, über die ich früher gelacht hätte, die mir aber heute den Alltag erleichtern. Zudem hat mir ein lieber Freund eine "Socken-Anzieh-Maschine" gebaut, eine Art Zange, mit der ich mich zum Anziehen der Socken nicht zu bücken brauche.
Stichwort "Freunde". Wie gehen die mit der veränderten Situation ihres Freundes um?
Herr M.: Wir laden immer noch sehr viele Freunde und Bekannte ein und haben tolle Feste. Allerdings trinke ich dabei fast keinen Alkohol mehr, denn dann verschlechtern sich immer gleich meine Symptome. Allerdings sind die Partys deshalb nicht weniger ausgelassen. Ich denke, die Freunde, die heute noch zu mir, zu uns kommen, das sind die wahren Freunde. Ich bin aber auch denen nicht böse, die mit der Situation nicht so klarkommen und den Kontakt eingeschränkt haben. Natürlich gibt es auch diese Fälle.
Herr M., wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.
Quelle: Patientenbroschüre Parkinson, Mai 2002
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